26. September 2026

Der zweite Tag der 25. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Biofeedback e.V. stand ganz im Zeichen von Selbstregulation, Herzratenvariabilität, chronischem Schmerz und neuen Ansätzen im Neurofeedback.

Vagal Tank Theory: Die drei Rs der Selbstregulation

apl. Prof. Dr. Dr. Sylvain Laborde, Köln, stellte die von ihm entwickelte Vagal Tank Theory vor. Im Mittelpunkt standen die drei Bereiche Resting, Reactivity und Recovery. Entscheidend ist dabei nicht nur ein HRV Wert in Ruhe, sondern die Fähigkeit, auf Belastung angemessen zu reagieren und sich anschließend wieder zu erholen. Besonders die Geschwindigkeit der Recovery wurde als wichtiger Ausdruck der Regulationsfähigkeit hervorgehoben.
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf der Messmethodik. Für wissenschaftliche Fragestellungen bleibt das EKG der Referenzstandard. Brustgurte können für praktische Anwendungen sinnvoll sein. Wearables messen dagegen häufig über Photoplethysmographie die Pulsratenvariabilität und sind daher eher zur Beobachtung von Trends als zur Interpretation absoluter HRV Werte geeignet.
Als gut untersuchte Möglichkeit zur Beeinflussung der vagalen Regulation hob Laborde langsame Atemübungen und HRV Biofeedback hervor. Zugleich betonte er die Bedeutung standardisierter Messbedingungen.

HRV Biofeedback bei chronischen Schmerzen

M.Sc. Psych. Sarah Wünsche, Wuppertal, präsentierte erste Ergebnisse einer Pilotstudie zur Kombination von kognitiver Verhaltenstherapie und HRV Biofeedback bei chronischen Schmerzen.
Die bisher ausgewertete Teilstichprobe umfasst 18 Patientinnen und Patienten mit chronischen muskuloskelettalen Schmerzen und zusätzlicher psychobehavioraler Belastung. Die Behandlung bestand aus zwölf Sitzungen mit kognitiv verhaltenstherapeutischen Elementen sowie vier Einheiten zum HRV Biofeedback.
Im Verlauf zeigten sich Verbesserungen ausgewählter HRV Maße sowie eine Reduktion der Schmerzintensität, der schmerzbedingten Beeinträchtigung, der Krankheitssorgen und der psychobehavioralen Belastung. Die Patientenzufriedenheit mit der Behandlung war hoch. Aufgrund der kleinen Stichprobe und des fehlenden Vergleichs mit einer ausschließlichen Verhaltenstherapie sind die Ergebnisse jedoch als erste Hinweise zu verstehen.
In der Diskussion wurde erneut deutlich, wie unterschiedlich Patientinnen und Patienten auf Biofeedback reagieren. Für einige war das Training unmittelbar hilfreich, andere fanden weniger Zugang dazu. Die Frage nach einer gezielteren individuellen Indikationsstellung bleibt deshalb weiterhin wichtig.

Hemoencephalography: Durchblutungsbiofeedback im Gehirn

M.A. Markus Stefka, Wiener Neustadt, stellte die Hemoencephalographie, kurz HEG, vor. Im Unterschied zum EEG werden dabei keine elektrischen Potentiale gemessen. Das Verfahren nutzt Veränderungen der Durchblutung und Sauerstoffversorgung im frontalen Bereich als Feedbacksignal.
Stefka betonte ausdrücklich, dass HEG kein diagnostisches Verfahren und kein Ersatz für EEG Neurofeedback ist. Das gemessene Signal ist ein relatives Trainingssignal und sollte nicht überinterpretiert werden. Ein praktischer Vorteil liegt in der einfachen Anwendung. Die Sensorik wird im Stirnbereich angebracht, Elektrodenpaste ist nicht erforderlich und Bewegungen stellen nach praktischer Erfahrung ein geringeres Problem dar.
Diskutiert wurden mögliche Anwendungen bei Aufmerksamkeit, ADHS, Migräne sowie weiteren kognitiven und emotionalen Fragestellungen. Gleichzeitig ist die wissenschaftliche Datenlage deutlich schmaler als beim EEG Neurofeedback.

Fazit des zweiten Tages
Ein gemeinsamer Gedanke zog sich durch alle drei Beiträge: Gute Regulation bedeutet nicht, einen einzelnen physiologischen Wert möglichst stark zu verändern. Entscheidend ist die Fähigkeit, flexibel auf Anforderungen zu reagieren.
Damit rückten erneut individuelle Diagnostik, saubere Messmethodik und die Anpassung des Trainings an den einzelnen Menschen in den Mittelpunkt. Der zweite Tag zeigte damit sehr anschaulich die Entwicklung von Biofeedback und Neurofeedback hin zu einer stärker personenzentrierten und dynamischen Betrachtung von Selbstregulation.

Im Anschluss an das wissenschaftliche Programm fand die Mitgliederversammlung der DGBfb e.V. statt.